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Thesen des Bunds demokratischer WissenschaftlerInnen (BdWi) - Kurzversion


I. Die vorliegenden Pläne zur Studienstruktur-Reform stellen tragende Prinzipien der Universitäten infrage: Berufs- und forschungsbezogene Qualifikation sollen getrennt, die Einheit von Forschung und Lehre aufgelöst, die Freiheit von Studium und Lehre beseitigt, das Kollegialitätsprinzip aufgehoben und die Selbstverwaltung durch Marktregulierung ausgehöhlt werden.

II. Es ist wahrscheinlicher als je zuvor, daß die Pläne umgesetzt werden: Erstmals sind sich die in der Hochschulpolitik dominierenden AkteurInnen einig.

III. Die gegenwärtige Bildungspolitik beabsichtigt, daß relativ und absolut mehr Menschen studieren. (Mittelfristig müssen zwei von fünf Menschen eines Jahrgangs studieren, um den Bedarf der Wirtschaft an AkademikerInnen zu decken.)

IV. Als Preis der Entwicklung von der Elite- zur Massenhochschule sollen Ausbildung und Wissenschaft institutionell entkoppelt werden. Viele bloß Berufsfähige stehen dann wenigen Wissenschaftsfähigen, einer neuen Elite, gegenüber.

V. Die Inhalte des geplanten "Regelstudiums" drohen, arbeitsmarktkompatibel zu verflachen und sich von einem problemorientiert-wissenschaftlichen Erkennisanspruch zu entfernen. Sie könnten weniger als bisher ausgerichtet sein am Sozial- und Gemeinwohl und an den Interessen der Studierenden.

Die Gründe: Staatliche Mittel sollen davon abhängig gemacht werden, wie gut die Wirtschaft die Hochschul-AbsolventInnen und deren Wissen verwenden kann ─ also ökonomische Zwänge. Und: Ist das "Regelstudium" von der Forschung abgekoppelt, kann es keine wissenschaftliche Erfolge mehr geben. Positiv könnte ein Fachbereich dann nur dadurch auffallen, daß seine AbsolventInnen auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind.

Um ihre Ziele zu erreichen, müßte die Politik die Hoschschulen nicht instrumentell und politisch-rechtlich von außen steuern; die Hochschulen wären auch so weitgehend fremdbestimmt - bei gleichzeitigem Anschein maximaler eigener Gestaltungsfähigkeit.

VI. Ein über Lehre und Beruf definiertes "Regelstudium" an den Universitäten wird sich am Ende nicht von einem derzeitigen Studium an Fachhochschulen unterscheiden. (Natur- und Technikwissenschaften werden sich voraussichtlich schneller dem FH-Niveau anpassen als Geistes- und Sozialwissenschaften. Denen könnte eine Sonderexistenz als allgemeinbildende "Regelstudiengänge" zukommen.)

VII. Studiengänge an Fachhochschulen müssen verwissenschaftlicht werden: Forschung, Promotionsrecht, umfassende Theoretisierung. (Sie dürfen nicht nach dem Modell der Berufsakademien mit dem System der dualen Berufsausbildung verbunden werden, wie es Wissenschaftsrat und Industrie fordern. Hierdurch würde Praxis auf betriebliche Anwendbarkeit reduziert.) Unter diesen Bedingungen kann es sinnvoll sein, die Fachhochschulen auszubauen.

VIII. Sind Studierende von der Forschung ausgeschlossen, werden sie für den Beruf nicht qualifiziert genug sein: Damit sie die komplexen Anforderungen der Praxis bewältigen können, muß ihr Studium theorie- und forschungsbezogen sein; Forschung, Lehre und Studium müssen integriert bleiben - oder werden.

IX. In der derzeitigen Debatte wird die Studienzeit als entscheidenes Qualifikationsmerkmal von Studierenden dargestellt - eine unbewiesene These. Studieninhalte spielen keine Rolle, eine inhaltliche Begründung der Reform in der Spannweite zwischen wissenschaftlichem Erkenntnisstand und gesellschaftlichen Anforderungen scheint nicht erforderlich. Deshalb wird auch die Forderung nicht problematisiert, das berufsqualifizierende Studium müsse "entfrachtet" werden.

X. Die Kompetenzen der traditionellen akademischen Selbstverwaltungs-Gremien würden ausgehöhlt, wenn RektorInnen, PräsidentInnen und DekanInnen "leistungsabhängig" Ausstattungsmittel vergeben könnten, die den bisher pauschal zugewiesenen Grundausstattungsfonds entnommen werden. Die Perspektive der Demokratisierung der Gremien würde beseitigt; neue Hierarchien entstünden.

Grundlage: Diskussionspapier des Bundes demokratischer WissenschaftlerInnen (BDWi) zur Hochschuldebatte, abgedruckt in: Forum Wissenschaft, 1/93.


Quellenhinweis: Arbeitskreis Hochschulpolitik (ak hopo) im AStA Uni Marburg
bay, 15.1.2001, URL www.michael-bayer.de